The Birthday Girls vs. The Formers

Nach den beiden CD-Taufen von The Birthday Girls und The Formers ist es an der Zeit, die beiden aktuellen Alben der zwei Zürcher Bands gegeneinander antreten zu lassen. 

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Zwei Indie Rock Formationen aus der Schweiz wollen es wissen. The Formers und The Birthday Girls, beide aus Zürich, haben Mitte März, respektive Anfang April ihre aktuellen Scheiben veröffentlicht. Grund genug, die beiden Alben gegeneinander antreten zu lassen. Kann sich die internationale Multikulti-Truppe The Birthday Girls, von denen kein einziger aus der Schweiz kommt, gegen die Schweizer The Formers durchsetzen?

Runde 1: Facettenreichtum

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The Formers weichen nur selten von ihrem Soundrezept ab. Eingängiger Pop Rock ohne Firlefanz. Dadurch wirkt das Album wie aus einem Guss. Auf der anderen Seite fehlen die Ausreisser, die Experimente. Musikalisch gesehen ein Güterzug, der schnurstracks von A nach B fährt. Panoramafahrten sucht man hier vergebens. Der einzige Song, der aus dem Gefüge ausbricht, ist das Cover des 80er Klassikers Smalltown Boy von Bronsky Beat. Und diese banale Pop-Version hätten sie besser sein lassen. Man covered einen Song nur, wenn man ihn mindestens so gut wie das Original hinkriegt. Da hätten sie The Formers besser mal die Version von Paradise Lost angehört.
The Birthday Girls auf der anderes Seite experimentieren mit verschiedenen Elementen, variieren die Tempi in den Songs und lassen die einzelnen Songs jeder für sich alleine wirken. Besonders interessant ist dabei die riesige Bandbreite von Thomas Nussbaumers Stimme – von rockig-rau schon beim Opener Hiding Away über schrill verzückt bei Lucky One bis tragisch verbittert beim Anfang von Satellite. Die Instrumentierung ist durchwegs satt, droht einem gar zu überfordern. Eine solide Soundwand, die wie eine Dampfwalze gnadenlos über einen her rollt. Machmal wünscht man sich tatsächlich ein paar Verschnaufpausen. Aber die gibt’s bei The Birthday Girls nur selten.
Klares Ergebnis: 1:0 für The Birthday Girls, die The Formers regelrecht an die Wand spielen.

Runde 2: Produktionsqualität

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Von der Abmischung über die Ausarbeitung der einzelnen Instrumente kann man bei Distillates of Ackerwis nichts aussetzen. Es wurde auf jeden Song individuell eingegangen, jeder so gut wie möglich in Szene gesetzt. Und trotz der Vielfalt klingt das Album als Einheit. Hier wurde gute Arbeit geleistet.
Auch The Day We Get Started ist solide abgemischt und klingt wie aus einem Guss. Da aber die meisten Songs sehr ähnlich klingen, ist das auch nicht so schwierig. Etwas mehr Mut hätte dem Album gut getan.
Ein Unentschieden. Beide Alben sind auf hohem Niveau produziert, man hört, dass jeweils jemand mit geschultem Gehör dahinter gestanden ist und den letzten Schliff gemacht hat. Allerdings haben The Birthday Girls ein deutlich geschickteres Händchen bei der Singreihenfolge gehabt als The Formers. Wie man einen Song wie Adrenaline als Opener verwenden kann – ganz abgesehen davon, wie man die akustische Version von Valium als Adrenalin verkaufen will – anstatt den Kracher The Day We Get Started nach vorne zu ziehen…

Runde 3: Gesamteindruck

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The Birthday Girls verzichten glücklicherweise komplett auf Covers – auch wenn sie live gerne mal Wicked Games von Chris Isaac spielen, einen Titel, den sie übrigens mindestens genauso in den Sand setzen, wie The Formers Smalltown Boy – und bieten eine breite Palette an Songs, von rassigen Tanzeinlagen bis gefühlvollen Balladen. Einzig ihre beinahe penetrante brachiale Soundwelle, die sich über alles ergiesst, was auch nur ein Ohr hinhält, könnte für manchen zu einer akustischen Überforderung führen.
Das Album von The Formers eignet sich eher für ruhige Stunden oder als Alternative zum Schäfchen zählen. Grundsolide eingespielt, aber ohne wirkliche Überraschungen und Highlights. Immerhin findet sich die Coverversion von Depeche Mode’s Enjoy the Silence nicht auch noch auf dem Silberling. Mehr Eigenständigkeit und Abwechslung wären gute Vorsätze fürs nächste Album. So bleibt nur eine anständige Pop-Rock-Scheibe, die sich kaum von anderen abhebt.
Klarer Punkt für The Birthday Girls. Eigenständigkeit, Vielfalt und Kraft versenken die bodenständige Konstanz von The Formers.

Damit steht es 3:1 für The Birthday Girls, die mit Distillates of Ackerwis nicht nur das abwechslungsreichere Album abgeliefert haben, sondern auch gezeigt haben, dass sie nicht nur ein Pferd im Stall haben. Man darf gespannt sein, was die Trainer ihren Schützlingen für das Rückspiel mit auf den Weg geben.

The Birthday Girls The Formers
Album: Distillates of Ackerwis The Day We Get Started
Release: 1. April 2016 18. März 2016
Label:  self published Ambulance Recordings
Tracklist:
01 Hiding Away Adrenaline
02 The Lucky One Control
03 What’s Your Fate The Day We Get Started
04 Lay Yourself (Down By My Side) Come See The Stars
05 Outta Time Still Waiting
06 So Serious Open My Mind
07 Halfway Shame
08 Running High Smalltown Boy
09 Satellite Over Again
10 Walk In The Rain My Own Place
11 Please Dark Fall
12 You Don’t 15 Years